Sensoren am Körper: Künstliche Intelligenz gegen Rückenschmerzen

Rückenschmerzen sind ein Volksleiden und eine der Hauptursachen für Krankschreibungen in Deutschland1. Forschende der TU Kaiserslautern und des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) wollen Abhilfe schaffen. Mit einer Technik, die eine falsch eingenommene Position erkennt und Nutzende sofort informiert, so dass die Haltung korrigiert werden kann.

Volkskrankheit Rückenschmerzen

Laut einer Querschnittsbefragung des RKI (Robert-Koch-Institut) unter Erwachsenen in Deutschland (n = 5.009)2

  • hatten 61,3% der Befragten in den letzten zwölf Monaten Rückenschmerzen,
  • berichteten 15,5% der Befragten von chronischen Rückenschmerzen,
  • gaben 45,7 % an, dass sie im vergangenen Jahr Nackenschmerzen hatten und
  • 15,6% der Befragten sagten, im letzten Jahr sowohl Schmerzen im unteren und oberen Rücken als auch im Nacken gehabt zu haben.

Die vorliegenden Ergebnisse zeigen also die Notwendigkeit einer frühen Prävention und Versorgung.

Rücken- und Nackenschmerzen nehmen in Häufigkeit und Intensität mit dem Alter stark zu und ziehen eine wachsende Krankheitslast nach sich. Um dieser Entwicklung vorzubeugen ist es wichtig, bereits in jungen Jahren präventive Ansätze anzubieten. Und hier kommen wir zum Sensorsystem des DFKI und der TU Kaiserslautern.

Rückenschmerzen: Künstliche Intelligenz erkennt falsche Haltung

Rückenschmerzen: Kann künstliche Intelligenz eine falsche Haltung erkennen und präventiv helfen, Schmerzen zu vermeidenDen meisten Menschen fällt es schwer, mehrere Stunden eine aufrechte, rückenentlastende Position einzunehmen. Mitunter ist der Schreibtischstuhl nicht richtig eingestellt und/oder eine nach vorne gebeugte Körperhaltung, wie sie beispielsweise beim Blick auf einen Bildschirm typisch ist, beansprucht Hals- und Nackenmuskeln stark. Auch die Arbeit an einer Maschine ist in der Regel einseitig für unseren Bewegungsapparat.

Das von den Wissenschaftlern entwickelte System überwacht die Körperhaltung, berechnet Bewegungsparameter, wie z.B. den Grad der Beugung bzw. Verdrehung der Wirbelsäule, und gibt direkt Rückmeldung, wenn Nutzende ihre Haltung korrigieren sollen. So soll Rückenschmerzen, Nackenschmerzen und Verspannungen vorgebeugt werden.

Künstliche Intelligenz als Wecker bei Rückenschmerzen

Die Rohdaten werden direkt an der „Quelle“ verarbeitet und die Datenströme in Echtzeit berechnet. Zur Datenerhebung werden die Sensoren mit flexiblem Velco Strap am Körper befestigt oder direkt in ein Kleidungsstück integriert. Sie kommunizieren untereinander entweder Kabel gebunden oder per Bluetooth. Mit der Auswerteeinheit werden Sie wahlweise per USB, WLAN oder Bluetooth verbunden.

Laut den Forschenden erkennt die Technik sofort, wenn eine Bewegung falsch ausgeführt oder eine falsche Haltung eingenommen wird. Über eine Smartwatch erhalten Anwendende dann eine direkte Rückmeldung zu Belastungen und Fehlstellungen. So kann die Bewegung oder Haltung direkt korrigiert werden. Die dafür benötigte Smartwatch Applikation ist eine Android Wear OS App, kompatibel mit verschiedenen Android-Smartphones und iPhones.

Spielerische Anwendungen und eine Trainings-App motivieren außerdem, einseitigen Belastungen entgegenzuwirken und geben personalisierte, medizinische Hilfestellungen für ein Training zuhause. Die Daten können mit dem Hausarzt geteilt werden, der dann Empfehlungen zur Optimierung des Arbeitsplatzes, der Bewegungsabläufe und Gesundheitsübungen unterbreiten kann.

Die Arbeiten sind eingebunden in das Projekt BIONIC3, das von der Europäischen Union gefördert wird. An dem Projekt beteiligt ist, neben weiteren internationalen Partnern, auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Dortmund. Es läuft seit Januar 2019.

Ausblick

Laut Mathias Musahl vom Forschungsbereich Augmented Vision/Erweiterte Realität am DFKI4 zeigen die Pilotversuche gute Ergebnisse, eine Nutzung der Technologie zur Ergonomieanalyse sei somit möglich. Auch sei die Resonanz aus der Industrie auf das System sehr gut. Durch die aktuellen Lieferengpässe in der Halbleiterindustrie sind leider jedoch auch Kernkomponenten des Systems betroffen, weshalb es nicht vor 2023 möglich sein wird, ein Produkt auf den Markt zu bringen.

Mein Fazit

Rückenschmerzen entstehen nicht nur im Arbeitsumfeld. Auch im privaten Alltag finden ungesunde Bewegungsabläufe statt. Sensoren, die die Belastung aufzeichnen, können auch hier helfen. Wir alle kennen das Problem: sei es ein langer Arbeitstag oder die vielfältigen Aufgaben eines*r Familienmanagers*in. Zu wenig Bewegung, falsche Körperhaltung, zu wenig Achtsamkeit. Fehlstellungen und -belastungen des Rückens und Nackens sind also an der Tagesordnung.

Rückengymnastik und Entspannungskurse helfen wenig, wenn die Haltung immer wieder in alte Muster verfällt – ohne, dass wir es direkt merken. Sensoren können dabei durchaus helfen und ich gestehe, ich würde das glatt einmal testen, denn auch ich gehöre zu den 45,7% der Menschen, die regelmäßig an Nackenschmerzen leiden. Ob ich am Ende wirklich 365 Tage im Jahr Sensoren an mir tragen will, auch wenn es hilft, Fehlstellungen besser aufzuspüren und personalisierte Diagnosen zu treffen, weiß ich nicht. Die Frage muss wohl jeder für sich selbst beantworten.

An der Stelle auch vielen Dank an Herrn Musahl für die freundliche Beantwortung meiner Fragen. Ich bin gespannt, wie es in der Sache weiter geht.


Weitere Beiträge zum Thema Rückengesundheit:

  • Kaia, die App gegen Rückenschmerzen
  • Hinge Health, digitale Bewegungstherapie gegen Rückenschmerzen
  • Re.adjustme, Wearable für eine gesunde Körperhaltung

 

1 https://www.tk.de/techniker/magazin/sport/gesunder-ruecken/volkskrankheit-rueckenschmerzen-2007866

2 https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/JoHM_S3_2021_Rueckenschmerz_Nackenschmerz.pdf?__blob=publicationFile

3 Personalized Body Sensor Networks with Built-In Intelligence for Real-Time Risk Assessment and Coaching of Ageing workers, in all types of working and living environments https://bionic-h2020.eu/

4 https://www.unispectrum.de/forschen/neue-technik-soll-koerper-haltung-verbessern

 

 

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Künstliche Intelligenz (KI): Nutzen in der Psychotherapie?

Während bei der Behandlung körperlicher Erkrankungen rasche Fortschritte erzielt werden, weiß man vergleichsweise wenig darüber, was die Psychotherapie erfolgreich macht. Mit Erkenntnissen aus über 460.000 digitalen Therapiesitzungen will der Digital Health Pionier ieso mittels Künstlicher Intelligenz, maschinellem Lernen und künstlicher neuronaler Netze (KNN), die digitale Psychotherapie revolutionieren.

Psychotherapie – Woher wissen wir, was funktioniert?

Forscher*innen untersuchen seit Jahren die Gesprächstherapie, um herauszufinden, warum manche Therapeuten*innen bessere Ergebnisse erzielen als andere. Bisher war es praktisch unmöglich, vollständig zu quantifizieren, was in der Therapie funktioniert und warum. Gesprächsanalysen per Hand dauern ewig, die Stichprobengröße ist verschwindend gering.

KI kann die Rechnung ändern. Die Technik des maschinellen Lernens kann schnell große Mengen an Sprache analysieren. Sie gibt Zugang zu einer unerschöpflichen, bisher ungenutzten Datenquelle: der in der Therapie verwendeten Sprache.

Mehr Qualität in der Psychotherapie

Entscheidend für den Erfolg einer Psychotherapie ist, die richtigen Worte zur richtigen Zeit zu finden. Iesos´ Ansatz ist es, mithilfe der Verarbeitung natürlicher Sprache (Natural Language Processing, NLP) zu ermitteln, welche Teile eines Gesprächs zwischen Therapeut*in und Patient*in bei der Behandlung am wirksamsten sind; also welche Äußerungen, welche Sprache und welche Emotionen therapeutische Veränderungen auslösen.

Die Wissenschaftler*innen von ieso sind davon überzeugt, dass sie die Erkenntnisse aus den Daten nutzen können, um der Gesprächstherapie einen längst überfälligen Schub zu geben; und es Therapeuten*innen damit ermöglichen, Wartezeiten für Betroffene zu reduzieren, Diagnosen zu präzisieren, psychotherapeutische Behandlungen maßzuschneidern und damit eine bessere Versorgung sicher zu stellen.

Über ieso

Ieso Digital Health LTD. wurde im Jahr 2000 in Cambridge, Großbritannien, gegründet. Das Angebot von ieso umfasst ausschließlich die internetbasierte Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und richtet sich an in Großbritannien tätige Psychologen*innen, die die Patienten von ieso auf selbstständiger Basis über typisierte Text basierte Sitzungen versorgen möchten. https://www.iesogroup.com/

Iesos Vision: „We believe in a world where no one is held back by mental illness … where help is available to them regardless of the location or how much money they have. A world in which treatments work first time every time. …”. Ein spannender Vortrag im Rahmen der TEDxNatick 2020.

Artificial Intelligence Meets Mental Health Therapy | Andy Blackwell | TEDxNatick

Mein Fazit

Die Inanspruchnahme psychotherapeutischer Leistungen nimmt stetig zu. Die Angebotsstruktur der Versorgung kann jedoch dem steigenden Bedarf bisher nicht ausreichend gerecht werden; die Coronapandemie hat die Lage sicher nicht verbessert. Unternehmen wie Selfapy oder die Schön Klinik bieten mit der Selfapy-App oder MindDoc schon lange Onlinekurse für leichte bis mittelschwere Erkrankungen an. Ieso ist im Grunde nichts anderes – ein onlinebasiertes Therapieangebot. Spannend wird es meines Erachtens jedoch durch die KI-basierte Technologie, die vermutlich entscheidend dazu beitragen kann, der Nachfrage weltweit besser gerecht zu werden und die sich natürlich auch für die persönlichen Gespräche in der Praxis nutzen lässt. Mit dem Ergebnis, dass es mehr Menschen besser geht.

Die Frage, wann wir auch in Deutschland in der Psychotherapie von einer solchen Technologie profitieren können, beantwortet Andy Blackwell in seinem Vortrag im Rahmen der TEDxNatick 2020.


Annotation: Psychische Gesundheit

Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit reichen von leichten Einschränkungen des seelischen Wohlbefindens bis hin zu schweren psychischen Störungen. Zu den häufigsten Krankheitsbildern zählen Angststörungen, Depressionen und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch. In Deutschland sind knapp 18 Millionen Menschen betroffen, weltweit etwa 450 Millionen. Fast 800.000 Menschen suizidieren sich jedes Jahr, das heißt alle 40 Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Mensch durch Suizid.2

Psychischen Erkrankung sind die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit und der häufigste Grund einer Frühberentung.1 Die Gesamtkosten aufgrund psychischer Erkrankungen (direkte und indirekte Kosten) werden für Deutschland auf rund 147 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.1


1 https://www.dgppn.de/schwerpunkte/zahlenundfakten.html

2 https://www.dgppn.de/schwerpunkte/global-mental-health.html

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ESYSTA –Diabetesapp auf Rezept

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ESYSTA ist die erste Diabetesapp, die als digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) für insulinpflichtige Menschen mit Diabetes zugelassen ist. Durch den automatischen Datenimport aus einem kompatiblen Blutzuckermessgerät und Insulinpen in ein digitales Tagebuch will die Diabetesapp ESYSTA die Kontrolle des Blutzuckerverlaufs und der Therapie erleichtern.

Digitales Diabetesmanagement mit dem ESYSTA System und der ESYSTA Diabetesapp

Das digitale ESYSTA-Produktsystem besteht aus den Komponenten ESYSTA Diabetesapp und ESYSTA Portal. Zur Automatisierung der Tagebuchführung können Bluetooth-fähige Blutzuckermessgeräte, die mit dem System kompatibel sind, verbunden werden. Der*die Patient*in misst und spritzt wie gewohnt, die mit dem System kompatiblen Messgeräte sowie der ESYSTA Insulinpen übertragen die Daten automatisch und lückenlos in das onlinebasierte ESYSTA Portal und in die ESYSTA Diabetesapp. Hinterlegte Algorithmen werten die Daten aus und zeigen sie in übersichtlicher Form an.

ESYSTA –Diabetesapp auf Rezept_HealthcareHeidi_Blog_01
©Emperra® GmbH

Eine integrierte Ampelfunktion sowie ein 7-Tage-Trend sollen helfen, einen schnellen Überblick über die eigenen Daten zu erhalten. Diese können optional mit dem medizinischen Fachpersonal geteilt werden. So behält das behandelnde Team den Überblick über die Stoffwechselsituation des*r Patienten*in und kann bei Bedarf entsprechend frühzeitig handeln. Grafiken unterstützen darüber hinaus das Verstehen der Blutzuckerwerte und des Spritzverhaltens und können den Patient*innen helfen, beides zu optimieren.

Über die ESYSTA Diabetesapp

Die ESYSTA Diabetesapp wurde von der Empera GmbH E-Health Technologies entwickelt und ist ein zugelassenes Medizinprodukt der Klasse 1. Mit der vorläufigen Zulassung als DiGA kann sie von Ärzten*innen oder Psychotherapeuten*innen verordnet werden, die Kosten werden durch die gesetzliche Krankenkasse übernommen. Die ESYSTA Diabetesapp ist somit für alle gesetzlich und insulinbehandelten Versicherten kostenfrei. Privatversicherte müssen die Kostenübernahme im Vorfeld mit ihrer privaten Krankenversicherung klären. Die Kosten für die Diabetesapp belaufen sich auf 249,86 Euro für 90 Tage.

Auf der Homepage stellt ESYSTA umfangreiches Informationsmaterial für Behandlungsteams, Pflegeeinrichtungen und Patienten zur Verfügung. Das ESYSTA Produktsystem kann über die Apotheke oder den Versandhandel bezogen werden und ist auch ohne Rezept erhältlich. Die dazugehörende Diabetesapp ist im Google Play Store oder auf iTunes kostenfrei downloadbar.

Anwendungsbeobachtungen belegen den medizinischen Nutzen von ESYSTA. Der HbA1c-Wert sank im Durchschnitt um 0,9 %. Für nachhaltige Effekte ist eine dauerhafte Nutzung empfohlen.1

Whitepaper zur Anwendungsbeobachtung

Mein Fazit

„Auf Wiedersehen, Papierkram!“, titelt Empera auf der ESYSTA Homepage. Das System erleichtere die Kommunikation der Insulindaten und Blutzuckerwerte und damit die Therapieoptimierung.

Klingt großartig, ist es sicher auch, hat aber dennoch einen Haken. Aktuell kompatibel sind nämlich nur die Blutzuckermessgeräte Beurer GL 50 evo, Aktivmed GlucoCheck Gold, Roche Accu-Chek Guide und Roche Accu-Chek Aviva sowie das FGM FreeStyle Libre von Abbott. Außerdem funktioniert als einziger Insulinpen nur der ESYSTA Pen. Mit diesem können zwar alle handelsüblichen Insulinsorten genutzt werden; jedoch wird hierfür ein Adapter benötigt, um dieses mit dem ESYSTA-Pen spritzen zu können. Von daher dürfte das ESYSTA Konzept wohl eher nur bei Neueinstellungen interessant sein, wenn noch keine Verordnung bzw. noch keine bestehenden Messsysteme und Pens im Einsatz sind.

Dem Fazit von Dr. Winfried Keuthage kann ich mich daher nur anschließen: „Erfreulich ist, dass das Diabetesteam in einem webbasierten Portal Einsicht in die vom Anwender erhobenen Daten erhalten kann. … Um die Attraktivität des ESYSTA-Systems aufseiten der Verordner zu erhöhen, ist die vom Hersteller angestrebte Integration weiterer Devices (z.B. Smartpens und CGM-Geräte) unbedingt erforderlich.“2


Weitere interessante Diabetesapps, die jedoch noch keine digitale Gesundheitsanwendung nach dem DiGA-Verzeichnis sind:

HypoBuddy, entwickelt in Kooperation mit dem Forschungsinstitut Diabetes-Akademie Bad Mergentheim (FIDAM)

SNAQ, die App zur Nährwertanalyse per Foto zur richtigen Insulinanpassung; 2020 Gewinner des bytes4diabetes-Awards der BERLIN-CHEMIE AG

sowie myDoseCoach, die Diabetesapp, die Menschen mit Typ-2 Diabetes vor allem während der schwierigen Eisntellungspahse bei der Anpassung der Basalinsulintherapie unterstützen will.


1 https://diga.bfarm.de/de/verzeichnis/939

2 DiabetesZeitung Nr. 12, 17. Dezember 2021, Seite 41

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Pharma goes DiGA – Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) in der Insulin-Therapie

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Schätzungen zufolge leben derzeit 9,5 Millionen Menschen in Deutschland mit Diabetes. Mit steigender Tendenz. Ein digitaler Insulindosisfinder, für welchen die Listung als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) im Sommer diesen Jahres beantragt wurde, will nun Menschen mit Typ-2-Diabetes bei ihrer Therapie mit langwirksamen Basalinsulin unterstützen und so die Insulinanpassung erleichtern.

Insulintherapie mit Hilfe der „Digitale Gesundheitsanwendung„

myDose® Coach heißt die App, die eine flexible Kontrolle und einfache Anpassung der Basalinsulintherapie ermöglichen und Menschen mit Typ-2-Diabetes vor allem während der schwierigen Einstellphase unterstützen will.

Spannend an der Stelle: kein „kleines“ und agiles Start-up hat myDose® Coach entwickelt und die Zulassung beim BfArm# als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) beantragt. Es ist kein geringerer als der französische Pharmakonzern Sanofi, der mit der unternehmensintern entwickelten App in die Welt digitaler Gesundheitsanwendungen eintritt und so sicher auch ein Zeichen für die gesamte Branche setzt.*

Therapie „Beyond the Pill“ – was kann myDose® Coach?

mydosecoach_healtcareheidi_blog_schmittgall_01Als digitale Gesundheitsanwendung soll myDose® Coach laut Hersteller dabei helfen, den Nüchternblutzuckerspiegel gezielt zu verfolgen und die erforderliche Insulindosis entsprechend besser anzupassen. Bei der App handelt es sich also um einen Insulindosisfinder für Menschen mit Typ-2-Diabetes, die sich einmal täglich langwirksames Basalinsulin spritzen.

Um myDose® Coach verwenden zu können, muss der*die Arzt*Ärztin im Programm registriert sein. Dort können dann individuelle Dosierpläne für die Patienten*innen erstellt werden und automatisch an die myDose® Coach App auf dem Smartphone des*der Patienten*in übertragen werden. Ab dem Moment der Aktivierung können die Patienten ihre Nüchternblutzuckerwerte eintragen und erhalten eine Empfehlung für die tägliche Basalinsulindosis; basierend auf ihrem zuvor festgelegten Dosierungsplan.

In der App können Patienten auch Informationen zur verabreichten Insulindosis und zu Hypoglykämien dokumentieren. Dies gibt dem*der Arzt*Ärztin die Möglichkeit, Behandlungspläne schnell und effizient zu optimieren. Nicht erst beim nächsten Praxisbesuch.

Wann erfolgt die Zulassung als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA)?

myDose Coach® befindet sich aktuell im Bewertungsverfahren und ist daher noch nicht auf Rezept erhältlich. Im Mai 2021 startete darüber hinaus eine medizinische Evaluationsstudie. Damit will das Unternehmen die medizinische Evidenz in Deutschland nachweisen, damit eine dauerhafte Listung im DiGA-Verzeichnis möglich wird und myDose® Coach als „App auf Rezept“ verordnet werden kann. Auf Anfrage teilte das Unternehmen leider keinen aktuellen Stand des Verfahrens mit.

Mein Fazit

Die Anforderungen an die Gesundheitsversorgung der Zukunft wachsen. Bereits heute steht fest: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind Zukunftstechnologien, die unsere Gesundheitsversorung grundlegend verändern werden. Dafür braucht es innovative Lösungen, die über die Entwicklung neuer Medikamente hinausgehen.

Die Zulassung als Medizinprodukt hat myDose® Coach bereits. Die Zulassung als DiGA steht aktuell jedoch noch aus. Die Vorteile der App liegen auf der Hand: allen voran Therapiesicherheit. Aber auch Zeitersparnis, schnellere Therapieerfolge und Patientenstärkung. Meines Erachtens erleichtert diese Digitale Gesundheitsanwendung die Therapie nicht nur für die Patienten, sondern auch für das betreuende medizinische Fachpersonal. Stellt man sich wirklich die Frage, warum die App noch nicht als Digitale Gesundheitsanwendung zugelassen ist.


Weitere interessanteDiabetes-Apps, die jedoch keine digitale Gesundheitsanwendung nach dem DiGA-Verzeichnis sind:

HypoBuddy, entwickelt in Kooperation mit dem Forschungsinstitut Diabetes-Akademie Bad Mergentheim (FIDAM)

SNAQ, die App zur Nährwertanalyse per Foto zur richtigen Insulinanpassung; 2020 Gewinner des bytes4diabetes-Awards der BERLIN-CHEMIE AG

Hedia und die richtige Insulindosierung


# Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte https://diga.bfarm.de/de

*Anmerkung der Autorin: auch das Pharmaunternehmen Servier Deutschland betreibt mit deprexis eine Digitale Gesundheitsanwendung. Entwickelt wurde diese jedoch von der GAIA AG.

Weitere Informationen zu Sanofi Diabetes: https://diabetes.sanofi.de/

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Die Ernährungsapp als neue digitale Adipositas-Therapie?

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Ernährungsapps gibt es wie Sand am Meer. Die einen sind sinnvoller, die anderen weniger. Die Studienlage ist dünn. Eine Ernährungsapp hat es jetzt aber in das DiGA* Verzeichnis des BfArm geschafft und ist damit als „App auf Rezept“ verordnungsfähig: zanadio.

Die Ernährungsapp zanadio unter die Lupe genommen

Blog HealthcareHeidi: Die Ernährungsapp as neue digitale Adipositas-Therapie? Zanadio
©aidhere GmbH

zanadio hat es als erste Ernährungsapp – vorläufig – in das DiGA Verzeichnis des BfArm geschafft. Die App unterstützt bei der Behandlung von starkem Übergewicht und setzt die Wirkprinzipien der etablierten konservativen Adipositas-Therapie digital um. Das Programm ist auf 12 Monate ausgelegt und besteht aus den Bausteinen Ernährung, Bewegung, Verhalten.

Mit der Ernährungsapp zanadio lernen Betroffene neue, gesunde Gewohnheiten in ihren Alltag zu integrieren, damit ihr Gewicht zu reduzieren und – und das ist der entscheidende Punkt  – es dauerhaft zu halten. Damit entspricht zanadio den Therapiezielen der „Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur Prävention und Therapie der Adipositas“ der deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG).1

Definition von Übergewicht und Adipositas

Adipositas ist definiert als eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts. Berechnungsgrundlage für die Gewichtsklassifikation ist der Body Mass Index (BMI). Von Adipositas spricht man ab einem BMI von 30. Die Risikofaktoren reichen von familiärer Disposition, niedrigem Sozialstatus, Lebensstil, Stress bis hin zu endokrinen Erkrankungen. Adipositas kann auch eine Folge bestimmter einzunehmender Medikamente wie Antidepressiva sowie Neuroleptika sein.

Übergewicht und Adipositas hat in den OECD2 Ländern das Ausmaß einer Volkskrankheit angenommen.3 Allein in Deutschland sind rund zwei Drittel (67%) der Männer und die Hälfte (53%) der Frauen übergewichtig (BMI ≥ 25 kg/m2).4

Diagnose Code E66.0 – Adipositas durch übermäßige Kalorienzufuhr

Die Ernährungsapp zanadio ist geeignet für Patienten*innen mit einem BMI von 30-40, die mindestens 18 Jahre alt sind und bei denen keine Kontraindikationen vorliegen (z.B. bariatrische Operation innerhalb der letzten 3 Jahre). Die Kosten sind voll erstattungsfähig. Als DiGA kann zanadio von Ärzten oder Psychotherapeuten verordnet werden. Die Ernährungsapp ist sowohl für iOS als auch Android Systeme in den jeweiligen Shops kostenfrei verfügbar.

Die App unterstützt die Anbindung weiterer Geräte zur Übertragung von Bewegungs- und Körpergewichtsdaten, wie zum Beispiel Fitbit, Garmin, Polar oder OmronConnect. Jedoch zeigten interne Tests des Herstellers aidhere hohe Messunterschiede, so dass der Hersteller vor Entscheidungen auf Basis dieser Daten warnt.

Blog HealthcareHeidi: Die Ernährungsapp as neue digitale Adipositas-Therapie? zanadio Tracking
©aidhere GmbH, zanadio Adipositastherapie

Mein Fazit

Die Ernährungsapp zanadio setzt auf eine langfristige Verhaltensänderung der Ernährungsgewohnheiten. Ziel ist es, mit neuen und gesunden Gewohnheiten langfristig und dauerhaft Gewicht zu reduzieren. Hier gibt es für mich keine Differenzierung zu langjährig etablierten Programmen wie Weight Watchers.

Am Ende des Tages muss jede*r selbst wissen, welche Erwartung sie*er an eine Ernährungsapp hat und welcher Weg (digital per App oder persönliche Beratung und Begleitung durch einen qualifizierten Ernährungsexperten) besser funktioniert. Es ist kein Geheimnis, dass die Applikationen zwar oft installiert werden, aber nicht aktiv über einen längeren Zeitraum genutzt. Inwieweit Ernährungsapps dem*der Anwender*in tatsächlich zu einer langfristigen Gewichtsreduktion verhelfen, untersuchen nur wenige Studien, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Da darf man nun auf die Daten von zanadio gespannt sein.

Der Kampf gegen die Pfunde – Pillen, Pflaster, Ernährungsapps. Alle versprechen den großen Erfolg. Eine wirkliche, erfolgreiche Ernährungsumstellung mit Gewichtsreduktion ist jedoch eine lange Reise, erfordert Durchhaltevermögen und ein wirkliches Ziel. Aber wie sagte Lao Tze so schön: Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt.

Über Pflaster hat meine Kollegin Julia übrigens bereits 2018 in ihrem Blogbeitrag „Adipositas einfach wegpflastern?“ hier auf HealthcareHeidi berichtet.


* DiGA = Digitale GesundheitsAnwendung https://www.bfarm.de/DE/Medizinprodukte/DVG/_node.html

1 Absatz 5.2, Therapieziele (S. 38) S3 Leitlinie

2 OECD = Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Eine internationale Organisation, deren Ziel eine bessere Politik für ein besseres Leben ist – eine Politik, die Wohlstand, Gerechtigkeit, Chancen und Lebensqualität für alle sichern soll.

3 https://www.oecd.org/berlin/presse/fettleibigkeit-und-uebergewicht-nehmen-in-oecd-laendern-weiter-zu-18052017.htm / https://www.oecd.org/health/obesity-update.htm

4 https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/FactSheets/JoHM_2017_02_Uebergewicht_Adipositas_Erwachsene.pdf?__blob=publicationFile

5 https://zanadio.de/fachkreise/

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Virtual Reality (VR) in der Neurorehabilitation

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Verletzungen und Erkrankungen des zentralen oder peripheren Nervensystems können zu Bewegungs-, Empfindungs- und Wahrnehmungsstörungen führen. Ziel der Neurorehabilitation ist es, neurologische Funktionsstörungen zu verbessern oder ganz zu beheben. Die vom Heidelberger Start-up living brain entwickelte VR-Technologie will Betroffenen mit kognitivem Training in virtueller Realität eine Rückkehr in ein normales, selbstbestimmtes Alltags- und Berufsleben ermöglichen.

Neurorehabilitation: Patienten*innen mit Erkrankung des Nervensystems

„Die Neurorehabilitation gewinnt rasant an Bedeutung, insbesondere die neurologische Frührehabilitation. Der Grund sind therapeutische Fortschritte in der Neurologie sowie die wachsende Anzahl von Patienten.“, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Neurorehabilitation e.V. (DGNR) auf Ihrer Webseite.

Häufigste Indikationen für eine Neurorehabilitation sind zum Beispiel traumatische Hirnverletzungen (Schädelhirntrauma), Morbus Parkinson, Multiple Sklerose, Hirntumore, Rückenmarkschädigungen, Schlaganfälle, periphere Neuropathien, wie das Guillain-Barré-Syndrom (GBS), als dessen Ursache man eine Autoimmunreaktion vermutet.1 Auch SARS-CoV-2 reiht sich nach neuesten Erkenntnissen in die Reihe der GBS-auslösenden Erreger ein.2

Nach der Akutphase, bei der es darum geht, die wesentlichen Symptome unter Kontrolle zu bringen, wie beispielsweise eine Hirnblutung zu stoppen und ein Blutgerinnsel aus dem Hirn zu entfernen, bleiben die Betroffenen häufig mit kognitiven Beschwerden bzw. Rest- oder Folgeschäden – wie zum Beispiel Paresen, Spasmen, Gleichgewichtsstörungen, dem Verlust der Fähigkeit zu essen und zu trinken, sich zu be- und entkleiden, zu waschen, zu sprechen, zu verstehen oder zu orientieren – zurück.

Neurologische Ausfälle lindern: die Neurorehabilitation

In der Neurorehabilitation wird darauf hingearbeitet, die o.g. neurologischen Ausfälle bzw. Folgeschäden zu lindern, im Idealfall zu beheben, um so die Selbstständigkeit der Patienten*innen wieder herzustellen, die Lebensqualität der Betroffenen zu steigern und eine Rückkehr in den Alltag zu ermöglichen.

Das Behandlungsspektrum in der Neurorehabilitation ist so vielfältig wie verschieden. Eine zukunftsweisende Methode ist die vielfach ausgezeichnete Idee der living brain GmbH, die auf virtueller Realität und psychologischer Lernstrategie basiert.

Kognitives Training in virtueller Realität (VR)

Im Gegensatz zu herkömmlichen, eher abstrakten und theoretischen Methoden, müssen Patienten*innen bei der von living brain entwickelten VR-Technologie teora© mind nicht mehr lebensferne Zahlen- und Buchstabenkolonnen lernen und auf Papier notieren oder Kinderbilder beschreiben. Sie setzen „einfach“ eine VR-Brille auf und trainieren mit dieser alltagsnahe Situationen in sicherer, unfallfreier Umgebung. Einkaufen gehen, den Küchenherd bedienen, Kaffee kochen oder Gemüse pflanzen und ernten.

Die auf medizinisch-psychologischer Forschung basierende Trainingssoftware ermöglicht ein ortsunabhängiges, im Schwierigkeitsgrad individuell adaptierbares und abwechslungsreiches kognitives Training. Mittels 3D-Gestaltung werden Alltagsaktivitäten wirklichkeitsgetreu veranschaulicht, was positive Effekte hinsichtlich Motivation und Lerntransfer erzielen kann. Die Patienten*innen können die Übungen in der VR so oft wiederholen, bis sie sich wirklich sicher fühlen. Die Übungen können sitzend oder laufend durchgeführt werden. Ein Recalling-System stellt die stetige Arzt-Patient-Verbindung sicher. Die Anwendung besteht im Gesamtpaket aus VR-Brille und Tablet.

Barbara Stegmann, Gründerin und CEO von living brain, beschreibt die Idee ihres Start-ups sehr schön in einem Interview mit den Kultur- und Kreativpiloten: „Stellt euch vor, ihr steht vor einer Kaffeemaschine und wollt euch einen Kaffee machen. Da denkt ihr nicht darüber nach, wie ihr euch einen Kaffee macht. Menschen mit Handlungsplanung jedoch stehen vor der Kaffeemaschine und wissen, sie möchten sich einen Kaffee machen, aber sie wissen nicht mehr, was sie zuerst machen sollen und wie sie sich einen Kaffee machen können … living brain stellt diese Szenarien in der sicheren virtuellen Realität nach.“

Sonderausgabe 2 von „Die gute Idee“, 15. Juli 2020

Wer lieber einen Podcast hört, dem sei dieser hier empfohlen, in dem Julian Specht, Gründer und CEO des Start-ups, über die Technologie für kognitive Rehabilitation bei neurologischen Erkrankungen spricht ⇒ Visionaere Gesundheit

Mein Fazit

Mit Hilfe virtueller Realität werden spielerisch kognitive Beeinträchtigungen von Menschen mit neurologischen Erkrankungen behandelt. Wo heute noch Stift und Papier das gängige Trainingsmedium sind, geht das Start-up in der Neurorehabilitation neue Wege. Wie häufig ist auch hier eine persönliche Geschichte Anreiz und Auslöser, die Rehabilitation nachhaltig zu verändern.*

Die alltagsnahe Rehabilitation benötigt dringend ortsunabhängige, spielerische Übungen, damit der Alltag trainiert werden kann. Da die Nutzung der VR-Brille unabhängig von Therapieterminen und -räumen, starrem Equipment oder Computern erfolgt, kann ein Training unkompliziert gestartet werden. So können Patienten schon in der Wartezeit auf eine Reha mit dem Training beginnen.

Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen Vater, der nach doppelter Schädelfraktur mit den Symptomen Verwirrtheit und Desorientierung, Wahrnehmungsstörungen und emotionalen Störungen in die Neurorehabilitation ging. Er war völlig entsetzt über die „kindischen Bilder“, die ihm vorgelegt wurden. Er sei doch nicht irre, hat er zu mir gesagt, und dementsprechend jegliche Therapie innerlich abgelehnt. Hier hätte eine moderne Technologie wie die Virtual Reality Technologie definitiv geholfen und seine Motivation gefördert. Deshalb: Daumen hoch für diese Entwicklung und Daumen drücken, dass teora® mind bald in die Release Phase übergeht und damit allen Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen angeboten werden kann.


Meine Kollegin Carolin hat übrigens schon mehrfach zum Thema VR in der Medizin gebloggt. So zum Beispiel zum Thema Neuroplastizitätstraining in der Therapie oder ANDERS VR ermöglicht virtuelle Ausflüge


1 https://www.msdmanuals.com/de-de/heim/st%C3%B6rungen-der-hirn-,-r%C3%BCckenmarks-und-nervenfunktion/erkrankungen-der-peripheren-nerven-und-verwandte-erkrankungen/guillain-barr%C3%A9-syndrom-gbs

2 https://dgn.org/presse/pressemitteilungen/sars-cov-2-kann-das-gefuerchtete-guillain-barre-syndrom-ausloesen/

*Julian selbst litt, seitdem er 10 Jahre alt war, an Epilepsie. Mit 20 Jahren entschloss er sich zu einer Operation am Gehirn. Das Risiko für kognitive Einschränkungen war dabei relativ hoch. Im Podcast ab Minute 4:00 erzählt er, wie er damals mit seinen Ärzten zum ersten Mal über die Möglichkeiten der neurologischen Rehabilitation gesprochen hat – mit dem unbefriedigenden Ergebnis, dass es nur veraltete und unzureichende Reha-Möglichkeiten gab. Julian hatte Glück, seine OP glückte und er hatte keine neurologischen Ausfälle. Dennoch ließ ihn die fehlende Möglichkeit der Neuroreha nicht mehr los.

 

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Innovative Sehhilfe für blinde Menschen

Die Sehhilfe für blinde Menschen ist noch Zukunftsmusik; aber bereits heute schon so spannend, dass wir auf unserem Blog HealthcareHeidi auf jeden Fall darüber berichten möchten: Forscher aus Deutschland, der Schweiz, England und Kanada haben eine Vision, die Blinden das Sehen wieder möglich machen soll.

Der Wunsch nach selbstbestimmter Mobilität – Die Sehhilfe als Ersatzteil im Kopf

Der Verlust der Sehfähigkeit ist in unserer zunehmend visuell gesteuerten Welt besonders tragisch. Das Fehlen des Sehsinns geht mit massiven Einschränkungen der Lebensqualität einher. Nach Schätzungen des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands leben etwa 150.000 blinde und rund 500.000 sehbehinderte Menschen in Deutschland. Weltweit sind etwa vier Millionen Menschen betroffen.1

Eine Möglichkeit der Therapie sind so genannte kortikale Prothesen. Als Sehhilfe wandeln sie visuelle Szenen in Muster um, die dann – wie der Name bereits andeutet – an den visuellen Kortex, also die Großhirnrinde übertragen werden. Tausende von Elektroden rufen bei diesem Ansatz die Wahrnehmung kreisförmiger, greller Lichtpunkte hervor. Möchte man die Anzahl der Lichtpunkte erhöhen, kommt es häufig zu einer Überlastung des Sehsystems. Das Projekt „I see“ möchte nun mit weniger Elektroden und geringeren Strömen eine deutlich stärkere, strukturierte Wahrnehmung erreichen.

Sehhilfe für blinde Menschen – das Projekt „I see“

Die Neurowissenschaftler bedienen sich einer Miniaturkamera, die visuelle Informationen sammelt, in ein Signalmuster übersetzt und an Implantate im Gehirn überträgt. Die Implantate steuern spezifisch die Hirnareale an, die die visuellen Informationen verarbeiten. Die Sehhilfe passt die Stimulation auf die Informationskodierung im Gehirn an und generiert so ein Muster, das die Nervenzellen verstehen. Moderne Datenanalyse-Methoden erkennen also „die Sprache des Gehirns“ und passen den richtigen Zeitpunkt ab, um den erwünschten Seheindruck zu erzeugen.

Ziel des Projekts ist es, erblindeten Menschen mit Hilfe eines Kamerasystems und entsprechender Hard- und Software visuelle Informationen zugänglich zu machen, die sie in alltäglichen Lebenssituationen nutzen können.

Innovative Sehhilfe für blinde Menschen. Campus Forschung_Podcast_I see
©Radio c.t. e.V.

Das Projekt „I see“ wird vom Europäischen Forschungsnetzwerk “NEURON” durch das BMBF (Deutschland), die SNF (Schweiz) und die FRQS/Québec (Kanada), sowie in Bremen durch die Iris und Harmut Jürgens-Stiftung gefördert.

Mein Fazit

Der visuelle Sinn zählt noch vor dem Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken zu den wichtigsten Sinneseindrücken. Viele Projekte in diesem Bereich werden jedoch leider nicht über das experimentelle Stadium hinaus weiter entwickelt.

Für den Gehörsinn ist der Einsatz von Cochlea-Implantaten bereits medizinischer Standard. Ein kleines Mikrofon nimmt Schallwellen auf, die dann vom äußerlich getragenen Soundprozessor in digital kodierte Signale umgewandelt und an die Sendespule übertragen werden. Über die Sendespule werden die Signale an das unter der Haut liegende Implantat transferiert. Das Implantat wandelt die kodierten Signale in elektrische Impulse um und leitet sie an den Elektrodenträger weiter. Die Elektroden stimulieren die Hörnervenfasern in der Cochlea; im Gehirn entsteht ein Höreindruck.

Wenn solch eine periphere Prothese als Sehhilfe auch für blinde und sehbehinderte Menschen entwickelt werden könnte, wäre dies ein wirklicher medizinischer Fortschritt. Das Augenlicht zu verlieren gehört wohl zu den dramatischsten Einschnitten im Leben eines Menschen. Dran bleiben lohnt!

1 https://www.dbsv.org/zahlen-fakten.html


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Künstliche Intelligenz (KI) auf der Intensivstation

Nachblutungen und akutes Nierenversagen sind lebensbedrohliche Komplikationen nach Operationen am Herzen oder den herznahen Gefäßen. Am Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) wurde eine auf künstlicher Intelligenz basierte Software entwickelt, mit deren Hilfe postoperative Komplikationen nach schweren Herzoperationen vorhergesagt werden können – noch bevor ein*e Patient*in eine kritische Lage erreicht.

Frühwarnsystem Künstliche Intelligenz (KI)

Auf modernen herzchirurgischen Intensivstationen überwachen eine Vielzahl von Instrumenten die Körperfunktionen der Patienten*innen. Ebenso die Herz-Kreislaufparameter, wie Herzfrequenz, arterieller Mitteldruck, Druck im rechten Vorhof oder den Lungenkapillaren, das Herzminutenvolumen, die Sauerstoffsättigung oder Temperatur. Dennoch bleibt es auch für erfahrene Kardiologen*innen eine Herausforderung, aus den zahlreichen kontinuierlich und diskontinuierlich gemessenen Parametern frühzeitig Anzeichen für Komplikationen zu erkennen. Je früher diese jedoch erkannt werden, desto größer ist die Chance, Leben zu retten. Die am DHZB entwickelte Software soll hier unterstützen – in dem sie potenziell lebensbedrohliche Zustände erkennt, noch bevor es überhaupt zu ersten Symptomen kommt.

Prinzip Früherkennung auf Basis von Big Data

Trainiert wurde die Software unter Verwendung von anonymisierten Daten von über 50.000 Patienten*innen des Deutschen Herzzentrums Berlin. Seit April 2018 wurde sie auf den DHZB-Intensivstationen im realen Klinikbetrieb getestet und validiert und hat gezeigt: Dank künstlicher Intelligenz kann in kurzer Zeit das Risiko postoperativer Nachblutungen vorhergesagt werden. Denn: Der Algorithmus sucht gezielt unter den zahlreichen Echtzeitdaten, die manchmal in weniger als einer Sekunde erfasst werden, nach Anzeichen drohender Komplikationen; noch weit bevor der Arzt sie erkennt.

Vertrieben wird die KI basierte Software durch die x-cardiac GmbH, die lt. Pressemitteilung vom 1. Juli 2021 zeitgleich mit der Zulassung als Medizinproduktehersteller in der EU, die Zulassung für ihr erstes Medizinprodukt x-c-bleeding zur Vorhersage postoperativer Nachblutungen erhalten hat. Damit ist die Software für den kommerziellen Einsatz im Klinikalltag zugelassen.1

Die Gründung der x-cardiac GmbH erfolgte mit Unterstützung des DHZB sowie des Berlin Institute of Health (BIH) und der Berliner Charité. Entwickelt wurde sie von dem Team um Prof. Dr. med. Meyer, Herzchirurg und Informatiker am DHZB. Die retrospektive Studie zur Validierung des Systems, die mehr als 11.000 Daten aus der Vergangenheit auswertete, wurde in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet Respiratory Medicine veröffentlicht.

©odysso – Wissen im SWR, SWR Fernsehen

Aktuell ist ein weiteres Produkt zur Vorhersage von akutem Nierenversagen in der Entwicklung. Die Bewertung des Systems wurde im Journal npj Digital Medicine der Springer Nature Verlagsgruppe veröffentlicht.

Mein Fazit

Ausgereifte digitale Systeme, die auf Basis von Künstlicher Intelligenz Entscheidungen am sogenannten Point of Care unterstützen und so dabei helfen, Menschenleben zu retten, leisten einen wichtigen Beitrag in der Gesundheitsversorgung. Dass dabei Künstliche Intelligenz eine nicht unerhebliche Rolle spielt, ist wenig verwunderlich. Sie steuert klar den digitalen Umbruch in der medizinischen Versorgung im Allgemeinen und am deutschen Krankenhausmarkt im Speziellen. Arzt*Ärztin und Pflegende wird Künstliche Intelligenz nicht ersetzen. Sie ist aber ein wichtiges Werkzeug für die Diagnostik und wird neue Wege eröffnen. Ebenso wie Ultraschall und MRT neue Wege eröffnet haben.

Egal ob im Klinikalltag oder in der Brustkrebsvorsorge, der Demenzdiagnostik, der Früherkennung und Therapie von Krankheiten wie Parkinson oder chronischen Atemwegserkrankungen. Künstliche Intelligenz hilft nachweislich in großen Datenmengen in relativ kurzer Zeit Zusammenhänge zu erkennen. Und daraus sinnvolle Maßnahmen bzw. Therapien abzuleiten. Weitere lesenswerte Beiträge dazu finden Sie unter dem Stichwort „Künstliche Intelligenz“ auf unserem Blog HealthcareHeidi.

1 https://www.xcardiac.com/news


*Werbung – unbezahlt – wegen Namensnennung / Verlinkung*

Titelbild: ©Külker/DHZB; Das x-cardiac System in Betrieb auf der Intensivstation IPS 1 des DHZB.

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ADHS Therapie bei Kindern: Zocken auf Rezept?

Im Sommer 2020 genehmigte die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) das erste verschreibungspflichtige Videospiel zur Verbesserung der kognitiven Funktion bei Kindern mit ADHS: EndeavourRx.

Das US-Technik-Portal The Verge dämpfte damals die Euphorie der Spielemacher. Die gerne zitierte Studie sei von Ärzten erstellt, die für den Entwickler des Spiels arbeiten1. Die Entwickler Akili Interacitve haben kürzlich nun die vollständigen Ergebnisse der EndeavourRx-Zusatzstudie vorgelegt. Sie zeigen, dass das Videospiel-ähnliche digitale Therapeutikum Vorteile mit oder ohne begleitende Stimulanzien bietet.

EndeavourRx – Zocken gegen ADHS

Mit Höchstgeschwindigkeit fliegt das kleine Raumschiff mit seinen zwei Turbinen durch die Eiswelt. Aus dem Boden ploppen kleine einäugige Wesen, die die Spieler*innen einfangen oder umschiffen müssen; nur um kurze Zeit später in eine Feuerwelt oder eine Unterwasserlandschaft katapultiert zu werden. Die Spieler*innen müssen Hindernissen ausweichen und dabei Ziele einsammeln. Zu lösen sind teilweise überlappende Aufgaben, die sowohl sensorische als auch motorische Anforderungen an Spielende stellen. Das soll die Konzentration fördern.

EndeavourRx fokussiert auf eine direkte Stimulation ganz spezifischer, ADHS relevanter Hirnregionen. Ziel ist, die Hirnfunktion langfristig zu verändern und zu normalisieren. Das Spiel richtet sich an Kinder zwischen acht und zwölf Jahren und soll gegen die Symptome der ADHS helfen.

Studien belegen Wirksamkeit bei Kindern mit ADHS

Die FDA-Zulassung wurde erteilt, nachdem insgesamt fünf klinische Studien durchgeführt worden waren. Darunter die randomisierte STARS-ADHD Studie mit 348 Teilnehmern. Der STARS-ADHD Studie folgte die STATS-Adjunct Studie. In dieser wurde berücksichtigt, ob die Kinder ADHS-Stimulanzien einnahmen oder nicht. In beiden Studien haben die Kinder das digitale Therapeutikum vier Wochen lang an fünf Tagen in der Woche über 25 Minuten erhalten. Nach einer vierwöchigen Pause erfolgte eine weitere vierwöchige Behandlungsphase.

Im Rahmen beider Studien konnte eine Verbesserung standardisierter kognitiver Indices für ADHS nachgewiesen werden. Die Kinder zeigten nach der ersten Behandlungsperiode eine Verbesserung der ADHS Symptome. Während der vierwöchigen Behandlungspause blieben sie stabil.

In der STATS-Adjunct Studie, mit 206 Kindern im Alter von 8 bis 14 Jahren, sprach die Hälfte der Kinder nach einem Monat Therapie auf die Behandlung an. Mehr als zwei Drittel (68%) zeigte nach der zweiten Behandlungsphase ein klinisches Ansprechen. Die behandlungsbedingten unerwünschten Ereignisse waren mild und umfassten Frustration und Kopfschmerzen. Im Vergleich zu traditionellen Medikamenten erscheinen diese Auswirkungen allerdings gering.2

©Akili, EndeavourRx

Mein Fazit

ADHS betrifft weltweit etwa 5% der Menschen.3 Angesichts der Tatsache, dass viele der mit ADHS diagnostizierten Kinder Medikamente zur Behandlung ihrer Erkrankung erhalten, ist es wichtig, neue nicht-pharmakologische Therapieoptionen zu bewerten. Die Ergebnisse der Studien sind sicher ermutigend; aber, wie die Forscher selbst sagen, weisen die Studien auch Einschränkungen auf. So zum Beispiel die Tatsache, dass es keine verblindete Kontrollgruppe gab. Oder dass die Studien – bei einer chronischen Erkrankung wie ADHS – nur eine Dauer von drei bis vier Monaten hatten. Sicherlich auch ein „Geschmäckle“, wie wir Schwaben sagen, hinterlässt die Tatsache, dass die Forscher teilweise Aktienoptionen von Akili Interactive Labs halten oder dort angestellt sind. Dennoch: EndeavourRx ist ein gutes Beispiel für das wachsende Feld der digitalen Therapie. Bei dem Spiel geht es nicht darum, Ablenkung zu schaffen, sondern die Konzentration zu fördern und so die ADHS Symptome dauerhaft zu lindern. Das ist in jedem Fall ein zukunftsweisender Ansatz.


Gut aufbereitete Informationen rund um das Thema ADHS finden Interessierte auf Takeda-ADHS.de.


1 https://www.theverge.com/2020/6/15/21292267/fda-adhd-video-game-prescription-endeavor-rx-akl-t01-project-evo

2 A novel digital intervention for actively reducing severity of paediatric ADHD (STARS-ADHD): a randomised controlled trial, THE LANCET Volume 2, ISSUE 4, e168-e178, April 01, 2020 https://www.thelancet.com/journals/landig/article/PIIS2589-7500(20)30017-0/fulltext / Effectiveness of a digital therapeutic as adjunct to treatment with medication in pediatric ADHD, npj Digital Medicine volume 4, Article number: 58 (2021) https://www.nature.com/articles/s41746-021-00429-0 / CHILD & ADOLESCENT PSYCHIATRY, Volume 59, ISSUE 10, SUPPLEMENT , S157, October 01, 2020, https://doi.org/10.1016/j.jaac.2020.08.086

3 RKI, Journal of Health Monitoring · 2018 3(3)DOI 10.17886/RKI­GBE­2018­078Robert Koch­Institut, Berlin

https://www.akiliinteractive.com/

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Per App gegen Migräne Attacken

Das kabellose Wearable Nerivio® will mittels Neuromodulation akute Migräne Attacken ohne Einsatz von Medikamenten behandeln. Zur Steuerung des Wearables wird die gleichnamige App benötigt, die in den jeweiligen Android und iOs App Stores heruntergeladen werden kann.

Was ist Migräne?

Kennzeichen einer Migräne sind anfallsweise auftretende pulsierende Schmerzattacken im Kopfbereich, die zusammen mit Symptomen wie Übelkeit, Appetitlosigkeit, Lärm- und Lichtempfindlichkeit auftreten. Meist betrifft eine Migräne Attacke nur eine Kopfseite und vorwiegend den Sitrn-, Augen- und Schläfenbereich. Die Schmerzen verschlimmern sich bei Bewegung. Teilweise werden Migräne Attacken durch eine sogenannte Aura, in der Symptome wie Seh- oder Sprachstörungen oder Schwindelgefühle auftreten, angekündigt.

Was hilft gegen Migräne Attacken?

Um Migräne Attacken rasch zu beenden beziehungsweise zu vermeiden, ist es wichtig, frühzeitig zu reagieren. In der Regel werden Migräne Attacken mit Medikamenten behandelt. Betroffenen hilft außerdem Ruhe und Dunkelheit. Die Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) empfiehlt außer der medikamentösen Therapie nichtmedikamentöse Verfahren. Dazu gehören außer Entspannungsübungen, Biofeedback-Therapie, moderater Ausdauersport auch Akupunktur.1

Auch vorbeugende Therapien zur Migräne Prophylaxe können helfen, die Attacken respektive die Schwere der Schmerzen zu verringern oder das Ansprechen auf die Akuttherapie zu verbessern. Dazu gehört z.B. die App sinCephalea, die durch personalisierte Ernährung von Migräne befreit. sinCephalea ist als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) zur Prophylaxe von Migräneanfällen beim BfArM gelistet und somit auf Rezept erhältlich. Meine Kollegin Julia hat erst kürzlich in diesem Blog darüber berichtet.2

Nerivio® – Neuromodulation zur alternativen Therapie von Migräne Attacken

Per App gegen Migräne, HealthcareHeidi 3Das Prinzip der Schmerzminderung bei der Neuromodulation beruht auf einer Verringerung der Leitung von Schmerzimpulsen. Allen Techniken der Neuromodulation gemeinsam ist, dass die Verringerung der Schmerzimpulsleitung durch die gezielte Anwendung elektrischer Störimpulse hervorgerufen wird. 

Nach diesem Prinzip arbeitet auch Nerivio®, ein drahtloses, nicht-invasives elektronisches Wearable, das bei beginnender Migräne am Oberarm getragen wird.

Im Inneren des Devices stecken winzige Elektroden, welche die Nerven im Oberarm stimulieren. Die durch diese Stimulation peripherer Nerven ausgelöste „Nachricht“ wird an den Hirnstamm gesendet. Dieser hemmt die Schmerzsignale durch die Freisetzung von Neurotransmittern, die – gesteuert durch den Thalamus* – zu einer signifikanten Schmerzlinderung führen und den Migräneanfall beenden können.

Die Intensität und Dauer der Methode lässt sich via Bluetooth über das Smartphone steuern. Eine Behandlungssitzung dauert in der Regel 45 Minuten.

*Der Thalamus…

… ist im Gehirn die Sammelstelle für alle Sinneseindrücke (mit Ausnahme des Geruchssinns), die auf ihrem Weg zur Großhirnrinde hier umgeschaltet werden – also alle Eindrücke des Sehens und Hörens und Fühlens sowie der Temperatur- und Schmerzempfindung. Der Thalamus wird daher auch als „Tor zum Bewusstsein“ bezeichnet.

Gesteuert wird das Gerät mit einer zugehörigen App, mit der die Stimulationsintensität angepasst sowie die Behandlungsdauer überwacht und bei Bedarf auch abgebrochen werden kann. Innerhalb der App können Benutzer*innen ihre Migräne mithilfe einer Tagebuchfunktion dokumentieren sowie die Behandlungssitzungen oder Schmerzniveaus und damit verbundene Symptome aufzeichnen und mit dem betreuenden Praxisteam teilen.

Nerivio® wurde in zwei klinischen Studien evaluiert3 und erhielt im Mai 2019 von der US-Behörde für Lebensmittel- und Arzneimittelsicherheit (FDA) die De Novo Zulassung für die klinische Anwendung bei erwachsenen Menschen ohne chronische Migräne.4 Im Januar 2021 erfolgte die erweiterte Zulassung für die akute Behandlung von episodischer oder chronischer Migräne bei Personen ab 12 Jahren.5 Eine entsprechende Studie wurde im Dezember 2021 veröffentlicht.6Per App gegen Migräne, HealthcareHeidi 2

Nerivio® ist zur Akutbehandlung der Migräne zugelassen und verschreibungspflichtig, aber bisher nur in den USA erhältlich. In Europa soll das System zur Migräne Therapie jedoch  im Laufe des Jahres 2021 auf den Markt kommen.

Mein Fazit

Die arzneimittelfreie und nicht-invasive Linderung von Migräne mit oder ohne Aura mittels des Neuromodulationssystems Nerivio® kann durchaus eine nicht-medikamentöse Alternative in der Migräne Therapie sein. Die Studienergebnisse klingen spannend und machen zuversichtlich. Dazu kommt, dass die Neurostimulation ein anerkanntes Verfahren in der Schmerztherapie ist und generell gut untersucht. Leider steht jedoch die Zulassung von Nerivio® in Europa und Deutschland noch aus bzw. wird für 2021 erwartet.


Für mehr Informationen zur Migräne Therapie

Die DMKG hat auf ihrer Internetseite die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Kopfschmerz und zur Migräne zusammengestellt. Neben medikamentösen Behandlungsformen findet sich dort außer den Möglichkeiten nichtmedikamentöser Hilfen auch ein Verzeichnis von DMKG-Kopfschmerz-Experten. https://www.dmkg.de/patienten Für Ärzte*innen und Therapeuten*innen bietet die DMKG curriculare Fortbildungskurse an, die auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft eine fundierte und Praxis-orientierte Weiterbildung auf dem Gebiet der speziellen Pathophysiologie und Diagnostik sowie Therapie von Kopf- und Gesichtsschmerzen ermöglichen. https://www.dmkg.de/mediziner


Weitere Beiträge rund um das Thema Migräne Therapie und Prävention finden Sie auch auf unserem Blog HealthcareHeidi.

Neben Nerivio® gibt es noch weitere System zur Migräne Therapie. Manche, wie das Cefaly® und Vitos®, sind im Freiverkauf erhältlich. Andere, wie das gammaCoreTM nur über ärztliche Verordnung. Die Funktionsweisen sind unterschiedlich. Eine kurze Beschreibung mit Links zu den Herstellern finden sie hier.


Bilder ©Theranica Bio-Electronics Ltd., https://theranica.com/

https://www.dmkg.de/files/dmkg.de/Empfehlungen/030057_LL_Migra%CC%88ne%202018_Erg%C3%A4nzung%202019.pdf

2 https://www.healthcareheidi.de/sincephalea-befreit-von-migraene-durch-personalisierte-ernaehrung/

3 https://n.neurology.org/content/88/13/1250.short / https://headachejournal.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/head.13551

4 https://www.mobihealthnews.com/content/fda-grants-de-novo-clearance-smartphone-controlled-acute-migraine-relief-device

5 https://www.prnewswire.com/news-releases/fda-approves-theranicas-nerivio-for-acute-treatment-of-migraine-in-adolescents-301213967.html

6 https://headachejournal.onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/head.14042

 

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